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DevilsApricot (https://pixabay.com/static/uploads/photo/2015/05/27/03/35/books-785894_640.jpg), Books, Old, Dusty, (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en)


Die statische Qualitätssicherung ist in die Jahre gekommen.

Eine Steuerung durch die qualifizierte Gemeinschaft ist erforderlich.

Traditionelle Qualitätsbewertung von Schulbüchern muss für OER neu gedacht werden. Warum? Weil ein Schulbuch, das (gemeinschaftlich) bearbeitbar ist, in ständiger Fortschreibung steht, weil jede Modifikation die Ausgangslage verändert; – ein fundamentaler Gegensatz zur aktuellen Situation, in der „fertige“ Ausgaben „geprüft und genehmigt“ werden und jahrelang im Gebrauch bleiben.

„Ich besitze übrigens ein Schulbuch, bzw. habe eins ausgeliehen, das älter ist als ich.“ 1

„Das Informatik-Schulbuch meiner Töchter: Werft es weg […].“ 2

Diese praktizierte Form einer Qualitätssicherung ist – freundlich geschrieben – eine Verhöhnung aller, die sich für kompetente Bildung engagieren. Noch weniger taugt sie als Vorbild für OER, dieser Logik folgend müsste jede AutorInnen-Änderung durch die (staatliche) Prüfstelle. Undenkbar.

(Bisherige) Schulbuchqualität

Für den Schulbuchforscher (Georg-Eckert-Institut) und Berater von Schulbuchverlagen, Robert Maier, steht fest, dass die Qualität eines Schulbuchs immer nach subjektiven Kriterien beurteilt wird. Seine Analyse aus dem Jahr 2009 gilt unverändert und legt den Kern frei:

„Die Unmöglichkeit, ein objektives Gesamturteil über die Qualität eines Schulbuchs zu fällen, hängt damit zusammen, dass dem Mix an zugrunde gelegten Ansprüchen und ihrer jeweiligen Gewichtung immer etwas Willkürliches anhaftet.“ 3

Originalität, Innovation oder Ausführlichkeit wird „durch Abstriche an anderer Stelle ‚erkauft‘, so der Autor, denn „Beschränkungen des Platzes sind so unerbittlich wie andere Parameter, die sich mit dem Medium Schulbuch verbinden […]“. 4

Über Limitierungen musste die OER-Gemeinschaft, die das Biologie e-Schulbuch 5 erarbeitete, nie nachdenken. Im Gegenteil, ständig wurde hinterfragt, welche weiteren Ausgangslagen und Interessen Lernender, welche Bedürfnisse Lehrender berücksichtigt werden können.

Die Wahrheit liegt in der Anwendung

Kollaboration ist ein ständiger Meinungsaustausch. Wie intensiv das werden kann, haben wir erlebt. Gerade unter Fachleuten sind Diskussionen über Inhalt, Schwerpunktsetzung, Intention u.v.m. Usus.

„The shaking-up of the resource-production lifecycle, in particular the involvement of teachers, learners and evaluators in processes of co-production, reuse and repurposing offers significant opportunities to open up the entire learning architecture within formal education systems.“6 (Kati Clements / Jan M. Pawlowski)

Wenn wir Berlins Staatssekretär Mark Rackles im Podcast mit Jöran Muuß-Merholz7 richtig verstanden haben, erkennen führende (kommunale) Bildungspolitiker wie er diese Möglichkeit und schreiben „eigenverantwortlichen Schulen“ die Fähigkeit zu, Unterrichtsmedien selbst zusammenzustellen.

„Man aktiviert bisher passive Konsumenten und macht sie zu produzierenden Akteuren – perspektivisch. Wir leben damit auch eine Form von Bildungsdemokratie.“ (Mark Rackles)

Zur essentiellen Herausforderung zählt es, AutorInnen nicht nur aufzuspüren, zu motivieren und anzuleiten, sondern sie nachhaltig „bei der Stange zu halten“ (Stichwort trust networks).

„Organisiertes Qualitätsicherungskollektiv“

Einzigartige Qualitätspotenziale für eine gemeinschaftliche Schulbuchproduktion schlummern in (unablässigen) Rückkopplungen qualifizierter AnwenderInnen in Form ihrer AutorInnenschaft: Lehrende (wie Lernende) sind schonungslos, wenn sie die eigene Anwendbarkeit, getragen von ihren täglichen Erfahrungen, im Blick haben.

Clements, K.I.; Pawlowski, J.M.: User-oriented quality for OER: understanding teachers’ views on re-use, quality, and trust. J. Comp. Assisted Learning 28(1), 2012.
Quelle: Clements, K.I.; Pawlowski, J.M.: User-oriented quality for OER: understanding teachers’ views on re-use, quality, and trust. J. Comp. Assisted Learning 28(1), 2012.

„The main idea is to emotionally involve people by active re-authoring open educational resources. The main question is how the concept of emotional ownership can be utilized to increase user involvement in OER re-use and adaptation processes.“8

Als wir 2013 eine Bewertung von Schulbüchern durch BenutzerInnen zur Qualitätssicherung vorstellten, haben nur wenige laut mitgedacht. Es freut uns, wenn jetzt auch Entscheidungsträger öffentlich über „Sternchensysteme“ nach- bzw. vordenken.

Qualitätssicherung durch ein „Sternchensystem“ (Benutzerbewertung), wie von #Rackles vorgeschlagen, war doch gar nicht so schlecht. #OERdipf 9

„StS #Rackles #Berlin bringt ein #incentive System ins Spiel – damit Jäger&sammler Tauschhändler werden #OER #edchatde“ (Saskia Esken, Mitglied des Bundestagsausschusses „Digitale Agenda“) 10

Fazit

Das Wesen eines kollaborativ erstellten OER Schulbuchs wird von der Vielfalt der Köpfe seiner Gemeinschaft getragen, seine Qualität durch Justierungen eingebrachter Anwendungserfahrungen fortlaufend – nicht einmalig! – gesichert; das macht es so einzigartig. Wird dieser Prozess nicht in Schwung gehalten, nimmt die Stärke ab – wir schreiben das aus eigener Erfahrung. Diese Erkenntnis führt uns dazu, institutionelle Schwunggeber vehement einzufordern. Eine These bieten wir diesen an: Statische Qualitätskriterien für Bildungsmedien werden in unserer vernetzten Welt tendenziell früher als später gestrig sein.

 

Fußnoten

  1. twitter.com/vctrias/status/605093332566614017
  2. Die OER Akteurin und Wissenschaftlerin Sandra Schön über das im Unterricht eingesetzte Schulbuch ihrer Tochter (7. Klasse Gymnasium, Schuljahr 2014/2015), herausgegeben im Jahr 2004. Unverändert, so die Autorin, bietet der Verlag das Buch zum Verkauf an.
  3.  Maier, Robert: Was ist ein gutes Schulbuch? Eckert.Beiträge, 2009.
  4. Maier, Robert: Was ist ein gutes Schulbuch? Eckert.Beiträge, 2009.
  5.  schulbuch-o-mat.de/biobuch
  6.  Clements, K.I.; Pawlowski, J.M.: User-oriented quality for OER: understanding teachers’ views on re-use, quality, and trust. J. Comp. Assisted Learning 28(1), 2012.
  7.  open-educational-resources.de/oer020-berlin-baut-plattform-fuer-oer
  8.  Camilleri, A.F.; Ehlers, U.-D.; Pawlowski J.M.: State of the Art Review of Quality Issues related to Open Educational Resources (OER). Luxembourg: European Union, 2014.
  9.  twitter.com/m4sp0/status/580383191107784704
  10.  twitter.com/EskenSaskia/status/624492686750425088

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