Bild: Mike Fuchs, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/


OER-Fortbildungen in der Praxis

Was braucht es, um Multiplikatorinnen und Multiplikatoren fortzubilden? Im Rahmen unseres zweiten Themenworkshops „Qualifizierungsmodelle für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren“ referierte Kristin Narr in einem Kurzvortrag über ihre Erfahrungen mit OER-Fortbildungen im Zuge ihrer Tätigkeit als freiberufliche Medienpädagogin. Ergänzend dazu sprachen wir in unserem Kurzinterview mit ihr über Herausforderungen, mögliche Inhalte und Potentiale von Qualifizierungsmodellen im Bereich OER. Welche Erfahrungen haben Sie mit Qualifizierungsangeboten bereits machen können? Teilen Sie die Einschätzung, dass es mehr OER-Fortbildungsangebote geben sollte? Wie sollten diese methodisch und/oder inhaltlich aufbereitet sein? Wir freuen uns wie immer über Ihre Anmerkungen und Kommentare!

OER-Fortbildungen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren

Sie sahen sich in Ihrer Arbeit sicher schon mehrfach mit der Herausforderung konfrontiert Multiplikatorinnen und Multiplikatoren das breite Themenfeld von Open Educational Resources (OER) erklären zu müssen. Was sind die häufigsten Fragen, die dabei an Sie herangetragen werden?

Die häufigsten Fragen kommen aus dem rechtlichen Bereich. Da gibt es viele Unsicherheiten und Fragen, was erlaubt ist und was nicht. Im Bereich Schule sind beispielsweise die Kenntnisse über den juristisch korrekten Umgang mit digitalen Kopien und die damit verbundenen Regeln oftmals nur wenig vorhanden. Viele empfinden die Gesetzmäßigkeiten als unverständlich und schwer zugänglich. Andere kennen die Vorschriften, haben aber Wege gefunden, mit den Verboten und Einschränkungen umzugehen.

Reden wir konkret über das Thema OER, beziehen sich die Fragen vor allem auf die Nutzung des konkreten Materials und sind von ihrer Praxis und dem Berufsumfeld geprägt. Diese Fragen und Probleme ebnen den Einstieg zu Inhalten wie, was OER sind, was man damit machen kann und wo sie gefunden werden können.

Wer nimmt an Ihren Fortbildungen teil und welche Erfahrungen/Probleme bringen die Teilnehmenden mit?

Die Fortbildungen, die ich im Auftrag der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) durchgeführt habe, richteten sich an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus dem schulischen und  außerschulischen Bereich. Und in der Tat waren es stets heterogene Gruppen, die zusammenkamen, z.B. Lehrerinnen und Lehrer, Vertreter von Bildungsträgern/-institutionen, Studierende und freiberuflich Tätige. Vor allem aber nahmen Lehrerinnen und Lehrer im Schuldienst teil, die zuzüglich eine multiplikatorische Funktion inne hatten, beispielsweise sind sie als Fortbildner für andere Lehrkräfte tätig.

Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben bereits von dem Thema OER gehört bzw. nehmen an, dass sie damit in Zukunft mehr Berührung haben werden und wollten auf diese Weise mehr darüber erfahren. Andere interessieren sich generell für den Einsatz digitaler Medien in ihrem Arbeitsbereich und fühlten sich auch von diesem Thema angesprochen. Wenige haben bereits Erfahrungen mit OER, vor allem in der Nutzung, gemacht und suchten nach Weiterentwicklungen und Wegen, selbst Materialien zu erstellen und sie als OER bereitzustellen.

Worauf kommt es aus Ihrer Sicht bei einer OER-Fortbildung an bzw. gibt es zentrale Module? Wie gestalten Sie den Einstieg in das Thema für die Teilnehmenden?

Besonders wichtig ist es, sich an den Bedürfnissen der Teilnehmenden und ihren Fragen und Arbeitsumständen zu orientieren. Die Fortbildung soll schließlich in ihre Arbeit einfließen und sie befähigen, als Multiplikatorin oder Multiplikator für das Thema zu fungieren. Innerhalb der gesamten Fortbildung wird ausreichend Raum für den Austausch untereinander und das praxisorientierte, voneinander Lernen gegeben.

Ich versuche zu vermeiden, die Teilnehmenden mit zu vielen Fakten über OER, wie beispielsweise die verschiedenen Definitionen und Verständnisse, oder auch die einzelnen Entwicklungsschritte, zu „überrumpeln“. Vielmehr hole ich sie zu Beginn in ihrem Arbeitskontext ab, indem wir uns darüber austauschen, wie sie mit ihren eigenen Materialien und denen von anderen umgehen. Oftmals unterscheiden sich die Arbeitsweisen nicht sehr stark voneinander. Immer wieder spielt das eigene Zusammenstellen verschiedener Quellen zu einem eigenen Material eine Rolle. Hier ein Grundverständnis herzustellen, ebnet den gemeinsamen Weg der Fortbildung, OER für die eigene Arbeit nutzen zu können und zu wollen.

Wie bauen Sie Ihre Fortbildungen auf? Wie schaffen Sie es, theoretisches Hintergrundwissen zu OER innerhalb ihrer Fortbildung erlebbar zu machen? Wie wichtig schätzen Sie praktische Übungen innerhalb einer solchen Fortbildung ein?

Die Fortbildung ist in drei Teile geteilt: OER kennenlernen, erstellen und bereitstellen. Dieser Dreiklang gehört zur Betrachtung von OER dazu. Der entscheidende Punkt, der OER von anderen Materialien unterscheiden, ist die Lizenz, die besagt, dass das Material verwendet, bearbeitet und wieder veröffentlicht werden darf. Deswegen wird auch innerhalb der Fortbildung darauf Wert gelegt, über die eigene Bearbeitung und erneute Weitergabe zu sprechen.

Bei eintägigen Fortbildungen fehlt natürlich die Zeit für die Erstellung und Bereitstellung. Der Fokus liegt dann auf dem Suchen, Finden und Kennenlernen von OER. Darüber hinaus werden den Teilnehmenden vielerlei praktische Herangehensweisen zum eigenständigen Ausprobieren zu Hause an die Hand gegeben. Generell werden in allen Modulen der Fortbildung Wege aufgezeigt, selbst aktiv zu werden, sei es, selbst OER zu nutzen oder eigens Erstelltes bereitzustellen.

Der erste Teil der Fortbildung beschäftigt sich mit dem Grundverständnis und der Auffindbarkeit von OER, indem Prinzipien, konkrete Anlaufstellen und Projekte vorgestellt werden, sowie die rechtlichen Fragen und Erläuterungen zu Lizenzmodellen (hier vorrangig die Creative-Commons-Lizenzen) Raum finden. Daran angeknüpft beginnt eine Praxisübung, in der sich die Teilnehmenden selbstständig einen Überblick über die Angebote verschaffen. Erste OER werden selbst gefunden und kennengelernt. Bei eintägigen Fortbildungen folgt auf diesen Schritt der Austausch über die Übertragbarkeit in die eigene Arbeit und einzelne Einsatzmöglichkeiten. In Fortbildungen, die zwei Tage und länger veranschlagt sind, knüpft an diesen Schritt die Erstellung eigener Materialien an. Anhand eines Themas arbeiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Kleingruppen an konkreten Materialien. Im letzten Schritt setzen sie sich mit der Bereitsstellung ihres Materials auseinander. Im dreitägigen Modell, das ich vor ein paar Wochen gemeinsam mit OER-Macher und -Multiplikator Karl-Otto Kirst von der Zentrale für Unterrichtsmedien im Unterricht (ZUM.de), durchgeführt habe, haben wir uns beispielsweise an der Arbeit am ZUM.Wiki im Bereitstellen geübt und uns gleichzeitig mit dem Erstellen auseinandergesetzt.

Der praktische Bezug und die intensiven Praxisteile, die allein oder in kleineren Gruppe durchgeführt werden, halte ich für sehr wichtig. Im Machen ergeben sich immer noch die meisten Fragen. Das theoretische Hintergrundwissen zu OER habe ich wiederum sehr reduziert und mich auf die wichtigsten Aspekte, die für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer relevant und wichtig zu wissen sind, beschränkt. Der Verweis auf weiterführendes Material über OER wurde ergänzend aufgegriffen.

Zukunftsausblick: Welche Rolle spielen Ihrer Ansicht nach OER-Fortbildungen, um OER in der Praxis von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu etablieren? Sehen Sie diese in der Aus- oder Weiterbildung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren verankert?

Ich bin der Meinung, dass es einen großen Bedarf an OER-Fortbildungen gibt und würde mir wünschen, dass noch mehr angeboten und probiert wird. Wie man das konzeptionell und wo institutionell anlegt, kann sehr unterschiedlich sein. Denn in diesem Themenfeld gibt es kein einzig richtiges Allheilmittel. Dafür sind die Bildungsbereiche, aber auch die Kontexte und Zuständigkeiten zu verschieden.

Auch vereinzelte, anpassbare Module, die in feste Angebote in Aus- und Weiterbildung integriert werden können, sind vorstellbar. Diese Herangehensweise würde OER in „kleinen inhaltlichen Häppchen“ als Querschnittsthema behandeln. OER würden dort zum Tragen kommen, wo sie eine Rolle spielen und die Auseinandersetzung damit notwendig ist.

Autorin:

Kristin Narr ist freiberufliche Medienpädagogin. Sie beschäftigt sich seit 2012 mit dem Thema Open Educational Resources mit unterschiedlichen Aufgaben: Sie koordinierte die Whitepaper für den Bereich Schule, war im Programmteam der beiden OER-Konferenzen (#OERde13 und #OERde14) und führt Workshops und Fortbildungen, u.a. im Auftrag der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, durch. Aktuell organisiert Kristin Narr das OERcamp 2016 unter dem Dach des OER-Festivals #OERde16.

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