Bild: Ben Bernhard, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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Offene Formate und OER – Eine Gretchenfrage?

Wissen ist Macht oder wie Aaron Swartz, eine Ikone im Open Movement, es im Guerilla Open Access Manifesto ausdrückte: „Informationen sind Macht. Aber, wie so oft, gibt es Menschen die diese Macht für sich behalten wollen.“ Wo Aaron Swartz zur Bekämpfung ungerechter Gesetze zivilen Ungehorsam als Lösung anbietet, will der folgende Text den komplexen Sachverhalt der Notwendigkeit von Open Source Software und offenen Formaten für OER darlegen und somit zum Diskurs über eine gerechte Gesellschaft und Gesetzgebung beitragen. Hierfür werden 3 Thesen entwickelt. Zuerst wird aufgezeigt, dass eine gerechte Gesellschaft ihren Bürgern den Zugang zu Wissen und Bildung sicherstellen muss. Anschließend wird dargelegt, warum OER einen wichtigen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leisten können. Letztlich wird darauf eingegangen, warum OER ohne offene Formate vergebene Liebesmühe sind.

These 1: Eine gerechte Gesellschaft muss ihren Bürgern den Zugang zu Wissen und Bildung sicherstellen

Das Recht auf Bildung ist bereits in Artikel 26, Absatz 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN verankert und besagt:

„Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung.“

Untersuchungen des Deutschen Kinderschutzbundes haben ergeben, dass in Deutschland die Umsetzung des Artikels gefährdet ist, da unter anderem auf Grund der fehlenden Lehrmittelfreiheit von einer zunehmenden Privatisierung der Kosten der Grundschulbildung zu sprechen sei. Dies trägt zur Verstärkung der Chancenungleichheit auf Bildung bei, die Alt-Präsident Horst Köhler im Jahr 2007 als „unentschuldbare Ungerechtigkeit“ bezeichnet, welcher er 2 Jahre später im gleichen Kontext durch die Forderung „Wir brauchen ein Bildungssystem, das ungleiche Startchancen ausgleicht“ begegnete.

Die Chancenungleichheit bzw. Bildungsbenachteiligung in der Bundesrepublik Deutschland kann als weitere Verletzung der Menschrenrechte gewertet werden. vgl. In Artikel 2 heißt es: „Jeder hat Anspruch auf alle […] Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach […] nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“ Doch auch unabhängig von dem moralischen Imperativ der Menschenrechte ist der hohe Wert von Bildung für eine Gesellschaft bekannt. „Bildung erhöht die Lebenserwartung„, schreiben Jasilionis, Domantas et.al. im Tätigkeitsbericht 2006 des Max Planck Instituts für demographische Forschung in Rostock. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung machte die Förderung der Bildung seit 2009 zu einem Schlüsselbereich der deutschen Entwicklungspolitik.

These 2: Offen und frei lizenzierte Bildungsmaterialien tragen zur Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit bei und dienen als Grundpfeiler der Bildungsversorgung einer Gesellschaft

Aktivisten im Bereich Open Educational Resources, wie die Autoren des Wikibooks-Projekts Offene Schulbücher, sprechen von einem Oligopol der Schulbuchverlage, welches den Markt kontrolliert und entsprechend hohe Preise festlegen kann. Das hat direkte Auswirkungen auf die Kosten und Sicherstellung der bereits benannten, sozialpolitisch gesehen wichtigen Lehrmittelfreiheit. Auch die Macher des Schulbuch-O-Mat erkennen in den proprietären Angeboten des Verlagswesen ein Problem und setzen auf Lehrmaterialien, die offen und frei lizensiert sind. Proprietäre Lösungen für ein Gut von öffentlichem Interesse stellen einen Diebstahl an der Gesellschaft dar, der genauso unmoralisch und nicht zu dulden ist, wie das Verhalten des wissenschaftlichen Verlagswesens. Dieses betreibt urheberrechtlich motivierten Protektionismus von Gütern, die mit öffentlichen Mitteln finanziert sind und erwirtschaftet so Gewinnmargen bis 40%.

Die Situation im Schulbuchwesen ist glücklicherweise nicht so drastisch. Die Schulbuchverlage kommen selbst für die Kosten der Contenterstellung auf und leisten durch ihre Arbeit einen echten Mehrwert. Im universitären Bereich hingegen bilden sich Plattformen zum Vertrieb von Online-Kursen, so genannten MOOCs. Die augenscheinlich kostenlosen und antrophilen Angebote haben urheberrechtlich gesehen fragwürdige Eigenschaften. So werden Nutzer von Udacity zwar dazu angehalten die Lehrmaterialien in andere Sprachen zu übersetzen, doch die Übersetzungen gehören Udacity, die per AGB eine exklusive, kostenfreie Nutzungslizenz erhalten. Die Betreiber solcher Plattformen beziehen die Inhalte oft kostenlos von Universitäten. Zumindest in Deutschland erstellen Professoren und Mitarbeiter diese als Teil ihrer – aus öffentlichen Mitteln finanzierten – Arbeit. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass die Online-Bildungsangebote in Zukunft ohne staatliche Regulierung hinter einer Paywall landen könnten.

These 3: Offene Formate und freie Software sind für Freies Wissen und freie Bildung unabdingbar und tragen zur Rechtssicherheit und dem Erfolg von Open Educational Resources bei

Saskia Esken (Abgeordnete im Bundestag, Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Mitglied im Ausschuss Digitale Agenda) schreibt in ihrem Fazit Das wahre Potential von Open Educational Resources:

Darüber hinaus eröffnen digitale Medien neue Felder für selbstständiges, individualisiertes und kooperatives Lernen und verbessern die Bildungsangebote in Qualität und Chancengerechtigkeit.

Dieses Statement unterstreicht, dass Open Educational Resources leider auch von Entscheidungsträgern und Experten oft mit digitalen Bildungsinhalten gleichgesetzt werden, wodurch Diskussionen zu OER leider oft verwässert werden. Dabei sind die Fragen nach der Lizenz und dem Medium eines Lerninhaltes zwei völlig verschiedene Dinge. Dennoch spielen für den Erfolg von digitalen als auch analogen OER digitale Fragestellungen eine entscheidende Rolle. Das Bündnis freie Bildung als Gemeinschaft verschiedener OER Akteure schreibt folgendes dazu in seinem Positionspapier:

Um einen freien Zugang zu OER zu gewährleisten, betrachten wir zudem die Verwendung freier und offener Technologien, namentlich Offener Standards und Freier Software bei Erstellung und Verbreitung digitaler OER als unabdingbar. Digitale OER müssen in mindestens einem offenen Dateiformat verfügbar sein[…]. Nur offene Formate und Programme können auf technischer Ebene eine ungehinderte und plattformunabhängige Verwend- und Bearbeitbarkeit von OER garantieren. Software […] muss entsprechend als Freie Software bzw. Open Source-Software lizenziert sein

Würde man im Sinne der Menschenrechte und Chancengleichheit digitale Lehrmaterialien wie zum Beispiel das Angebot vom Verband Bildungsmedien e.V digitale-schulbuecher.de oder eine App für ein iPad per Gesetz zu OER erklären und unter eine offene Lizenz stellen, so hätten Bürger, Lehrende und Autoren die Rechtssicherheit, die Inhalte nach belieben kopieren, remixen und verwerten zu können. Dafür benötigen sie jedoch die Software, mit der die Inhalte angeboten bzw. dargestellt werden können. Das bringt den Besitzer bzw. Autor einer proprietären Software in eine Schlüsselposition. War vorher der Rechteinhaber der Bildungsinhalte der Gatekeeper und Monarch über das privatisierte öffentliche Gut, würde diese Rolle nun auf den Softwarebesitzer übergehen. Erneut ließe sich der Zugang zu Bildung von privater Hand steuern, regeln und nach Belieben monetarisieren. Dieser Gefahr mit Hilfe von Softwarelizenzen vom Verlagswesen durch die Hintertür unterwandert zu werden, muss sich die OER-Bewegung aktiv bewusst sein. In der Konsequenz heißt das natürlich auch, dass wir ein Microsoft-Word-Dokument nicht als OER ansehen können, da zu seinem Konsum eine proprietäre Software erworben werden muss.

Fazit

OER tragen zur Bildungsgerechtigkeit bei, da sie jedem auf Grund der offenen Lizenzen einen freien Zugang zu Bildung garantieren. Damit das Versprechen des freien Zugangs zu Bildung gehalten werden kann, ist bei digitalen OER die Verfügbarkeit in offenen Formaten ein Schlüsselaspekt. Unabhängig von der Gesetzgebung sehe ich zwei Lösungsansätze: Erstens, es muss ein Umdenken bzw. eine Sensibilisierung bei Lehrern und Autoren stattfinden. Die Bequemlichkeit dieser sich nicht nicht von Microsoft Word weg zu bewegen, schließt erneut den ärmeren Teil unserer Gesellschaft aus und gefährdet OER. Dabei ist es so einfach, das Arbeitsblatt mit Libre Office zu erstellen und im Open Document Format zu veröffentlichen. Zweitens, OER Akteure können Konvertierungstools anbieten, die vermeintliche OER aus proprietären Formaten in echte OER in offene Formate umwandeln und auf ihren Plattformen zur Verfügung stellen und vertreiben.

Literatur:

Baumert 2001: Pisa 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich

Becker 2010: Bildung als Privileg – Ursachen, Mechanismen, Prozesse und Wirkungen dauerhafter Bildungsungleichheiten

Boudon 1972: Education, Opportunity, and Social Inequality: Changing Prospects in Western Society

Dahrendorf 1965: Bildung ist Bürgerrecht: Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik

Deutsches Pisa-Konsortium 2004: PISA 2003: Der Bildungsstand der Jugendlichen in Deutschland ; Ergebnisse des zweiten internationalen Vergleichs

Ditton 2010: Der Beitrag von Schule und Lehrern zur Reproduktion von Bildungsungleichheit

Kreckel 2004: Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit

Prenzel et. al. 2005: PISA 2003: Der zweite Vergleich der Länder in Deutschland ; was wissen und können Jugendliche?

Prenzel et. al. 2007: PISA 2006: Die Ergebnisse der dritten internationalen Vergleichsstudie

Solga und Becker 2012: Soziologische Bildungsforschung – Eine kritische Bestandsaufnahme

Vester 2006: Die ständische Kanalisierung der Bildungschancen: Bildung und soziale Ungleichheit zwischen Boudon und Bourdieu

Autor

Über René Pickhardt: René promoviert über natürliche Sprachverarbeitung. Er erstellt seine Kurse ([1] [2] und [3]) und Lehrmaterialien seit Jahren unter einer offenen Lizenz bei Wikiversiy und Wikimedia Commons. Während seines Mathematik und Physikstudiums war er Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und setzt sich seit dem für gesellschaftliche Gerechtigkeit ein. Dabei legt er u.a. sein Augenmerk auf das Open Movement, was er durch seine Co-Autorschaft im Positionspapier des Bündnis Freie Bildung untermauert.

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