Bild: Ben Bernhard, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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Hybride Geschäftsmodelle und Finanzierungswege für OER

Um die Möglichkeiten zur Finanzierung von frei lizenzierten Bildungsmaterialien (Open Educational Resources ­ OER) zu erfassen, bedarf es einer differenzierten Sprache über Finanzierungsmodelle und einer klaren Zielsetzung der Finanzierung. Dazu kann die OER­-Szene viel aus dem Sektor des sozialen Unternehmertums lernen.

Geld verdienen mit freier Bildung

Wenn ich von meiner Arbeit bei Serlo erzähle, bekomme ich häufig folgende drei Statements zu hören. 1) “Ihr braucht ein Geschäftsmodell!”, 2) “Irgendwann musst ​du​ auch einmal Geld verdienen.” und 3) “Fundraising ist ja schön und gut aber irgendwann müsst ihr auch einmal ​richtiges​ Geld verdienen.” Anhand dieser drei Statements möchte ich versuchen eine sprachliche Grundlage für den Diskurs über “OER Geschäftsmodelle” zu legen.

“Ihr braucht ein Geschäftsmodell!” (1)

Das Problem an dieser Aussage ist, dass die Intentionen des Statements unklar ist. Es könnte sein, dass ich freundlich auf die Selbstverständlichkeit hingewiesen werde, dass wir eine Geldquelle bzw. Einnahmen brauchen. Allerdings ist ein “Geschäft” sowohl umgangssprachlich als auch in der Betriebswirtschaft und im Rechnungswesen mit der Erwirtschaftung von Gewinnen und mit Umsatzerlösen aus dem Verkauf von Waren und Dienstleistungen verbunden. In diesem Fall fordert das Statement mich auf, zu dem ideelen, gemeinnützigen Bereich von Serlo (Einnahmen durch Spenden, Mitgliedsbeiträge, Förderungen), einen zusätzlichen, gewinnorientierten Bereich aufzubauen, welcher im Vereinsrecht offiziell “Geschäftsbetrieb” gennant wird. Insgesamt ist bei der Frage nach Geschäftsmodellen für OER sehr unklar, ob es allgemein darum geht, wie OER finanziert werden können oder ob es explizit darum geht, wie gewinnorientierte Unternehmen im Feld OER entstehen können. Ich möchte also festhalten: Geschäftsmodelle sind eine Teilmenge möglicher Finanzierungsmodelle und nicht synonym zu gebrauchen. Umsatzerlöse (Einnahmen aus dem Geschäftsbetrieb) sind eine Teilmenge aller Einnahmen (auch Einnahmen aus dem ideelen Bereich, z. B. Spenden) und diese sind wiederum eine Teilmenge des gesamten Erlös (beinhaltet z. B. auch Zinserträge).

“Irgendwann musst ​du​ auch einmal Geld verdienen.” (2)

In diesem Fall wird impliziert, dass ein kostenloses, frei lizenziertes und werbefreies Bildungsangebot nur durch Selbstausbeutung erstellt werden kann. Jedoch ist die Finanzierung über einen ideellen Bereich nicht viel anders als der Verkauf im Geschäftsbetrieb über eine Ecke. Ich nenne das “Dreiecksfinanzierung”. In diesem Fall produziert A einen Mehrwert für B, das gefällt C und finanziert dafür A. Ein Beispiel: Anna bekommt Nachhilfe und ihre Mama zahlt dafür den Nachhilfelehrer. Noch ein Beispiel: Greenpeace rettet einen Baum, Anna mag Bäume und spendet an Greenpeace. Oder das Beispiel Serlo: Serlo hilft Schülerinnen und Schülern beim Lernen, dafür geben uns Stiftungen, Eltern oder die EU Kommission Geld. Es ist folglich ein gängiges Modell, dass die Zielgruppe einer Leistung nicht direkt für diese Leistung bezahlt. Auch der Staat funktioniert nach diesem Modell, denn Steuern finanzieren eine größere Idee von Gemeinschaft, Sicherheit, Mobilität, Bildung, etc. und werden nicht individuell pro einzelne staatliche Leistung erhoben, die eine Person erhält. Unter anderem vor dem Hintergrund, dass freier Zugang zu Bildung ein Grundrecht ist und, dass Kinder und Jugendliche wenig Kaufkraft besitzen, werden wir bei OER um eine teilweise “Dreiecksfinanzierung” nicht herumkommen.

“Fundraising ist ja schön und gut aber irgendwann müsst ihr auch einmal richtiges​ Geld verdienen.” (3)

Das dritte Statement impliziert, dass eine Finanzierung über den ideellen Bereich, etwa durch Spenden und staatliche Förderung, eine schlechtere Finanzierung ist als Erlöse durch den Umsatz eines Geschäftsbetriebs. Aber ist diese Unterscheidung überhaupt wertvoll um die Qualität einer Finanzierung zu beurteilen? Von Dennis Hoenig­-Ohnsorg (Ashoka Deutschland) habe ich gelernt, dass zwei Kriterien entscheidend sind, um das Finanzierungsmodell einer Organisation oder eines Unternehmens zu beurteilen: Stabilität und Unabhängigkeit. Mit Stabilität wird die langfristige Planbarkeit einer Finanzierung beschrieben. Einfluss auf die Planbarkeit hat z. B. die Qualität einer Beziehung zu Kunden bzw. Förderern oder wie stark innovationsgetrieben ein Markt ist. Unabhängigkeit beschreibt den Einflussgrad eines Finanzgebers. Gemessen an diesen Kriterien ist eines der besten Finanzierungsmodelle das ich kenne, das der Wikipedia, deren Betreiberin die Wikimedia Foundation ist. Denn die langfristige Entwicklung der Spendeneinnahmen ist stabiler vorhersagbar als viele Absatzmärkte für Waren oder Dienstleistungen. Des Weiteren kann die Wikimedia­ Bewegung sehr eigenständig darüber entscheiden, wie diese Einnahmen verwendet werden. Auch das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Serlo und einer Förderstiftung oder zwischen Greenpeace und einem Fördermitglied schneidet nach diesem Kriterien sehr gut ab.

Hybride Geschäftsmodelle

Grundsätzlich können folglich sowohl eine rein ideelle Finanzierung als auch reine Geschäftsbetriebe erfolgreich sein. Besonders für OER finde ich jedoch „hybride Finanzierungsmodelle“ interessant. Am Beispiel Serlo: Die freie Lernplattform Serlo ist komplett kostenlos und gemeinnützig getragen. Die Softwareentwicklung wird jedoch weitesgehend von der gewinnorientierten Softwareagentur Ory GmbH geleistet. Diese Leistung bekommt Serlo sehr günstig und teilweise pro­bono. Damit hat Serlo seinen größten Kostenfaktor stark reduziert. Ory profitiert von der Zusammenarbeit durch Serlo als spannendes Referenzprodukt, und Ory ist für Arbeitnehmer besonders attraktiv durch die soziale Wirkung von und für Serlo so wie durch die besondere Organisationskultur im gemeinsamen Büro mit Serlo. Wichtig bei diesem Modell ist, dass die Aufgabenbereiche klar aufgeteilt sind. Negativbeispiel: Bei einem Freemium­-Modell, z. B. einer kostenlosen OER­-Plattform mit zahlungspflichtigen Zusatzfunktionen, stünden das Wirkungsinteresse (Bildung soll allen frei zugänglich sein, unabhängig von sozioökonomischen Umständen) in einem ständigen Aushandlungsprozess mit den Gewinninteressen (um Umsatz zu generieren muss ein entscheidender Mehrwert für die Zielgruppe hinter der Paywall liegen). Um diesen Konflikt zu vermeiden, hilft es bei der Planung eines zusätzlichen Geschäftsbetriebs die richtige Frage zu stellen, nämlich nicht “Welchen Teil meines Angebots kann ich verkaufen?”, sondern “Welche meiner Kompetenzen kann ich verkaufen?”. Im Idealfall wird so eine neue Zielgruppe angesprochen und die beiden Bereiche sind jeweils an dem Erfolg des Anderen interessiert.

Auf die Wirkung kommt es an!

Ich bin der Meinung, dass für die Finanzierung von OER keine zusätzlichen Ideen und Instrumente gebraucht werden, sondern auf bewährte Modelle zurückgegriffen werden kann. Entscheidend ist immer, einen tatsächlichen Mehrwert für Mensch und Gesellschaft zu leisten. Wenn das wirklich gelingt, wird es immer Personen und Institutionen geben, die bereit sind dafür zu zahlen. Aus dem gleichen Grund müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Google, wenn sie Finanzierung für eine Innovation beantragen zwar einen Bedarf, aber kein Geschäftsmodell nachweisen. Dieser Grundsatz gilt für ideelle Betriebe auf der Suche nach Spenden genauso wie für Startups auf der Suche nach Investoren. Deshalb ist die wichtigste Frage der OER-­Szene meiner Meinung nach mitnichten die nach Finanzierungsmodellen, sondern die Frage nach dem Mehrwert für die Zielgruppe und ob OER ihre Wirkungsversprechen auf gesellschaftlicher Ebene tatsächlich einlösen.

Autor

Simon Köhl ist Gründer und Geschäftsführender Vorstand der freien Lernplattform Serlo und Mitgründer des Webtechnologieunternehmens Ory. Er studierte Politikwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften an der Ludwig­-Maximilians-Universität München, ist PEP Stipendiant der Sozialunternehmerorganisation Ashoka und „Verantwortlicher“ der Robert Bosch Stiftung.

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