Bild: Mariakeernik (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hammasülekanne.jpg), „Hammasülekanne“, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode/

Berufliche Bildung: Lehren und Lernen mit OER?

Anknüpfend an die Möglichkeiten digitaler Lernformen in der Weiterbildung, widmet sich der heutige Blogbeitrag den strukturellen Besonderheiten von Lernorten in der beruflichen Bildung. In einem Kurzinterview veranschaulicht Herr Prof. Michael Heister vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), welche Funktion dabei freien Bildungsmaterialien in der Bildungspraxis zugesprochen wird. Zwischen geringer Verwendung digitaler Medien und sich verändernden Lern- und Lehrbedarfen erfahren OER bisher nur wenig Aufmerksamkeit in der beruflichen Bildung.

Herr Prof. Heister leitet die Abteilung „Berufliches Lehren und Lernen, Programme und Modellversuche“ im Bundesinstitut für Berufsbildung. Er beschäftigt sich u.a. mit der Entwicklung und Wirkung Digitaler Medien und lehrt Personalmanagement an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Wie können freie Bildungsmaterialien (OER) in der beruflichen Bildung etabliert werden?

An welcher Schnittstelle agiert das Bundesinstitut für berufliche Bildung (BIBB)? Welche thematischen Schwerpunkte hat das BIBB?

Das BIBB konzentriert sich als Institution des Bundes in seinen Forschungen und Publikationen insbesondere auf den betrieblichen Teil der dualen Berufsausbildung, der berufsschulische Teil fällt in den Zuständigkeitsbereich der Kultusministerien der Länder. Für den betrieblichen Teil erstellen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BIBB in Zusammenarbeit mit Sachverständigen der Sozialpartner und den zuständigen Bundes- und Landesministerien die Ausbildungsordnungen.

In der Abteilung 3 gibt es zudem einen Arbeitsbereich, der sich schwerpunktmäßig mit der Thematik „Digitale Medien“ beschäftigt.

Die Etablierung von freien Bildungsmaterialien (OER) ist stark abhängig von Strukturen des jeweiligen Bildungsbereichs. Worin liegen die strukturellen Besonderheiten der beruflichen Bildung im Vergleich zur Schule, Hochschule und Weiterbildung?

Ich glaube zur Beantwortung dieser Frage ist es zunächst einmal wichtig den Bereich der beruflichen Bildung näher zu beschreiben. Wir unterscheiden zwischen beruflicher (Erst-)ausbildung, in der Regel im Anschluss an eine vorherige Schulausbildung und beruflicher Weiterbildung (z.B. zum Meister oder zur Meisterin in einem Beruf).

Die berufliche Erstausbildung geschieht in der Regel an zwei Lernorten, nämlich dem Betrieb (einschließlich sogenannter Überbetrieblicher Berufsbildungsstätten) und den Beruflichen Schulen, daher wird auch von dualer Berufsausbildung gesprochen. Hinzu kommen die sogenannten vollzeitschulischen Ausbildungen (z.B. im Gesundheitswesen), bei denen zum Lernort Schule praktische Phasen anschließen und keine explizite Dualität der Lernorte besteht. Zudem tritt bei den sogenannten Dualen Studiengängen noch ein weiterer Lernort hinzu, nämlich die Hochschule.

Bei diesen zahlreichen Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Lernorten einerseits und im Übrigen der nicht immer ganz einfachen Abgrenzung zwischen beruflicher und allgemeiner Weiterbildung ist es schwierig, generelle Aussagen zum bisherigen Einsatz und den möglichen Chancen von OER in der beruflichen Bildung zu treffen. Ich werde mich bei der Beantwortung der weiteren Fragen daher auf den von den Teilnehmendenzahlen her wichtigsten Bereich, der dualen Berufsausbildung, konzentrieren und dabei die beiden Lernorte Betrieb und Berufsschule einbeziehen.

Inwiefern ist die Nutzung und Erstellung von OER in der beruflichen Bildungspraxis von Bedeutung?

Mit Ausnahme des Portfolios frei zugänglicher Lernbausteine des BIBB Internetportals für Ausbilderinnen und Ausbilder, www.foraus.de, bietet das BIBB selber keine ausgesprochenen Lehrmaterialien an. Gleiches gilt für das Internetportal www.qualiboxx.de, das Fragestellungen zum „Übergang Schule – Beruf“ bedient. Zudem sind die Lernbausteine zwar zum Teil mit Creative-Commons-Lizenzen ausgestattet, allerdings ermöglichen diese lediglich die Weitergabe und erlauben keine Weiterentwicklung der Materialien durch andere Personen.

Die vom BIBB herausgegebene Print-Schriftenreihe „Ausbildung gestalten“ informiert über neue und modernisierte Ausbildungsberufe und bietet insbesondere auf einer beigefügten CD weiterführende Materialien und Tipps für Ausbilderinnen und Ausbilder an. Zukünftig wird zu prüfen sein, inwieweit die Materialien an Stelle einer Print-Version als Internet-Produkt erscheinen sollen und dann im Rahmen der vom BIBB angestrebten Open-Access-Strategie kostenlos verfügbar sein werden.

Die zuletzt genannte Schriftenreihe steht sinnbildlich für den gesamten Bereich der beruflichen Bildung: OER existiert hier bisher kaum. So lassen sich die im hochschulischen Bereich breit diskutierten und von den USA auch nach Deutschland entwickelnden MOOCs in der beruflichen Bildung praktisch nicht finden. Und wenn es um OER in der beruflichen Bildung geht, dann handelt es sich im Regelfall um die Erlaubnis der lizenzfreien Weitergabe, aber eben nicht um die Erlaubnis zur Weiterentwicklung von Materialien.

Welche Hürden und Chancen liegen für Sie in der Verwendung von OER in der beruflichen Bildung?

Als Hürden werden immer wieder Aspekte der Qualitätssicherung für den betrieblichen Teil und Notwendigkeiten der Genehmigung von Lehrwerken für den berufsschulischen Teil genannt. Beides sehe ich eigentlich nicht. Qualitätssicherungsprobleme sind lösbar, etwa durch die Einbeziehung von Sachverständigen aus Hochschulen, den Arbeitgeberverbänden oder der betrieblichen Praxis. Und was spricht eigentlich dagegen, neben genehmigten Lehrbüchern auch OER-Materialien zu verwenden bzw. diese selber einem Genehmigungsprozess zu unterziehen?

Meines Erachtens gibt es im betrieblichen Teil des dualen Ausbildungssystems noch eine viel wichtigere strukturelle Hürde. Vielfach handelt es sich hier um kleinbetriebliche Strukturen mit erfahrenen Ausbilderinnen und Ausbildern, die selber nur eine geringe Affinität zu den für OER so wichtigen digitalen Medien haben, was im Übrigen auch für die Mitglieder der Prüfungsausschüsse gilt. Diese Hürde wird sich in den nächsten Jahren „natürlich“ verringern, da jüngere Ausbilderinnen Ausbilder hier bessere Zugangsvoraussetzungen haben. Für den zuletzt dargestellten Punkt könnte OER aber auch eine Chance darstellen, da für kleine Betriebe Kosten wegfallen und die Fläche leichter zu bedienen ist.

Eine besondere Chance für OER sehe ich außerdem im Bereich beruflicher Schulen. Gerade in Flächenstaaten mussten bereits in den vergangenen Jahren aufgrund der demographischen Entwicklung und zurückgehender Auszubildendenzahlen berufliche Schulen geschlossen werden. Dieser Prozess wird weitergehen. Hier liegt es nahe, Präsenzunterricht durch digitale (OER-)Medien zu ersetzen, was aber bedeuten würde, dass die Kultusministerien der Länder die Präsenzpflicht in Berufsschulen einschränken.

Welche möglichen Anknüpfungspunkte für die Verbreitung von OER resultieren daraus für die berufliche Bildung?

Zentrale Anknüpfungspunkt sind für mich die Erhöhung des Informationsstandes über die Möglichkeiten von OER in der beruflichen Bildung und die Entwicklung von Pilotprojekten. Für den schulischen Teil würde sich dabei die gemeinsame Förderung aller Bundesländer von OER-Materialien für ein bestimmtes Berufsfeld anbieten. Und für den betrieblichen Teil wäre es etwa denkbar, MOOCs zu berufsübergreifenden Themen anzubieten, etwa den Umgang mit schwierigen Auszubildenden oder Fragen des Datenschutzes.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Heister!

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